„Erinnerungskultur und Versöhnung“ – Perspektiven der Vertriebenenpastoral nach Beendigung der Visitaturen

Aus dem Pressebericht von Kardinal Dr. Reinhard Marx zum Abschluss der Herbstvollversammlung der Bischofskonferenz in Fulda, 22.09.2016

 

Nach dem Zweiten Weltkrieg haben die katholische und evangelische Kirche in erheblichem Maße Flüchtlinge und Vertriebene unterstützt. In der katholischen Kirche bildeten sich für die Vertriebenenseelsorge eigene Strukturen heraus, in denen die kirchliche Situation der Herkunftsregion, die vielfältigen Frömmigkeitsformen und das religiöse und kulturelle Brauchtum der Heimat weiterleben konnte.

Diese Geschichte gelungener Integration ist nach wie vor lebendig. Einerseits gilt Menschen, die unter den seinerzeit traumatisierenden Bedingungen der Flucht und Vertreibung oft bis heute leiden, die Solidarität und Zuwendung der Kirche. Sie hört niemals auf, auch wenn die Sorge der Kirche nicht mehr wie früher durch Priester der Heimatregion erfolgen kann. Denn auch die Priester, zum Beispiel aus Schlesien und dem Sudentenland, die selbst geflohen sind, haben ein hohes Alter erreicht. Andererseits gibt es bemerkenswerte Aufbrüche der Enkel der Erlebnisgeneration, die sich vor dem Hintergrund der Fluchterfahrungen ihrer Großeltern für das Friedensprojekt Europa stark machen. Sie haben dabei vor allem die Verständigung der Gesellschaften Mittel- und Osteuropas im Blick. Nicht wenige engagieren sich für die Integration von Flüchtlingen unserer Tage – von ihren Großeltern und Eltern wissen sie, was Flucht bedeutet.

Unter dem Motto „Erinnerungskultur und Friedensarbeit“ haben zwölf Verbände in der Tradition der Vertriebenenpastoral der katholischen Kirche uns Bischöfen eine Textsammlung vorgelegt, in der sie ihre Zukunftsperspektiven vorstellen. Sie wird demnächst in der Reihe der Arbeitshilfen des Sekretariats der Deutschen Bischofskonferenz erscheinen. Die Verbände haben ihre Verantwortung erkannt, Erinnerung zu bewahren und sich aus ihrer Taufberufung für eine Zukunft in Frieden und Gerechtigkeit in einem geeinten Europa einzusetzen. Wir Bischöfe danken allen, die diesen Transformationsprozess von der Vertriebenenseelsorge zur Erinnerungskultur und Versöhnung begleitet haben – allen voran dem Beauftragten der Deutschen Bischofskonferenz für die Vertriebenen- und Aussiedlerseelsorge, Weihbischof Dr. Reinhard Hauke (Erfurt), der diese Aufgabe weiter fortführen wird. Wir haben auch allen Priestern zu danken, die die Vertriebenenpastoral über 70 Jahre gestaltet und begleitet haben, vor allem denen, die zuletzt als sogenannte Visitatoren im Auftrag der Bischöfe tätig waren. Wir freuen uns, dass viele Verbände in der Tradition der Vertriebenenpastoral in die Zukunft blicken, ohne sich von der Vergangenheit abzuwenden. Sie bezeugen, dass das Leid, das Menschen erfahren haben, niemals vergessen werden darf, weil es im Gedächtnis Gottes bewahrt ist. In diesen Verbandsstrukturen sehen wir das Erbe der Vertriebenenpastoral in besten Händen.