Auf Spurensuche der Banater Schwaben und rumänische Gastfreundschaft

Impressionen einer Reise von Georg Schmid, Pfr. i. R.

Anni Fay hat mich eingeladen, sie und eine Gruppe ehemaliger Banater vom 1. bis 7. August bei einem Besuch in ihrer früheren Heimat zu begleiten. Da habe ich nicht lange überlegen müssen, da bin ich gleich mitgefahren, besser gesagt: mitgeflogen. München – Temeswar. Und wenn man eine Reise tut, kann man was erzählen. Das möchte ich hiermit tun.

Ich darf mich Ihnen, den Lesern dieses Berichtes kurz vorstellen. Ich bin Oberpfälzer aus Breitenbrunn-Dürn, das liegt etwa in der Mitte zwischen Nürnberg und Regensburg. Studiert habe ich in Eichstätt und Freiburg. 1967 wurde ich in Eichstätt zum Priester geweiht. Nach einigen Kaplansjahren in Kipfenberg und Greding war ich Jugendpfarrer im Landkreis Eichstätt. 1980 berief mich der Generalvikar zum Pfarrer in der Gemeinde Nürnberg „Heilige Familie“. Dort blieb ich 26 Jahre lang bis zu meinem Ruhestand, den ich nun wieder in meiner angestammten Heimat verbringe. Und als „Ruheständler“ hat man nun auch Zeit und Muse, dann und wann eine schöne Reise zu machen, zum Beispiel nach Rumänien.

Woher kenne ich Anni Fay? Anni Fay war die tüchtige Leiterin unseres Kindergartens in Nürnberg „Heilige Familie“, zudem Sängerin im Kirchenchor und Mitglied des Pfarrgemeinderates. Die Pfarrgemeinde liegt am südlichen Rand von Nürnberg, Stadtteil Reichelsdorf, und umfasst noch zwei Filialen aus dem Gebiet von Schwabach. Eine davon ist das Wohngebiet von Frau Fay, die ja nun auch tatkräftig im Kreisverband Schwabach – Roth der Banater mitwirkt. In meiner soziologisch sehr vielschichtigen Pfarrei gab es neben zahlreichen Spätaussiedlern aus Russland und Polen auch viele Gemeindemitglieder, die aus Rumänien gekommen waren, und die mir oft von den äußerst bedrückenden Verhältnissen während der kommunistischen Gewaltherrschaft erzählten. Also hatte ich schon eine Ahnung vom oft schweren Schicksal dieser Menschen.

Unsere Reisegruppe bestand nun aus den Mitgliedern des Kreisverbandes Roth – Schwabach: Angela Schmidt, Vorsitzende, Albert Seifert, Ferdinand Lenhardt, Anni Fay, dazu deren Schwester Marlene Stocker mit Ehemann Alexander. Ich war der Gruppe nicht ganz fremd. Verschiedene pastorale Ereignisse hatten mich in der Vergangenheit mit einigen in Verbindung gebracht. So erinnerte mich Angela Schmidt gleich am Flughafen München, dass ich doch ihre beiden Töchter getauft und zur Erstkommunion geführt habe. Und als sie mir während des Fluges Fotos von ihnen zeigte und über ihren Werdegang erzählte, da begann auch ich mich wieder an die beiden braven Mädchen zu erinnern. Allerliebste Grüße an sie über Mama, das versteht sich ja von selbst!

Anni Fay hatte alles bestens organisiert: Die Reise, zwei Mietautos in Rumänien, das Programm, die Unterkunft, sogar eine Weinprobe.

Am_Flughafen_Temeswar_Aug_2014

Am Flughafen Temeswar

Am Flughafen Temeswar bestiegen wir unsere Mietautos und fuhren zum Quartier, das war die Wohnung des evangelischen Pfarrers Zsombor Kovacs und seiner Familie. Die evangelische Kirche steht in unmittelbarer Nähe zum kath. Dom, daneben das Pfarrhaus, ein altertümlicher Bau mit hohen Räumen. Die Pfarrersfamilie bewohnt nur das Obergeschoß, das Erdgeschoß ist vermietet, die Kirchengemeinde muss sparen. Finanzielle Unterstützung erhält sie von der evangelischen Gemeinde Berchtesgaden, deren Mitglieder Marlene und Alexander sind. Die beiden stellen also auch den Kontakt her zu Zsombor, wie wir den Pfarrer einfach nennen. Zsombor, in dessen Adern ungarisches Blut fließt, ist sehr kontaktfreudig und übt seinen Beruf leidenschaftlich und gerne aus. Seine Gottesdienste sind dreisprachig: rumänisch, ungarisch und deutsch. Bei meinem ersten Besuch mit dem Ehepaar Fay in Rumänien vor drei Jahren feierte ich mit Pfarrer Kovacs einen ökumenischen Gottesdienst in seiner Kirche, bei dem ich die Ansprache hielt. Dabei fiel mir auf, wie er in spiritueller Tiefe und in liebevoll lockerer Hinwendung zur Gemeinde Liturgie feierte. Bei ihm und seiner Frau, die ebenfalls Pfarrerin ist und eine eigene Gemeinde leitet, waren wir also als Gäste herzlich willkommen.

Am Nachmittag sahen wir im bischöflichen Sekretariat vorbei und wurden von Claudiu Calin, Archivar der Diözese, herzlich begrüßt. Der führte uns zunächst durch das neu entstandene Diözesanmuseum und hatte auch gleich eine Arbeit für uns parat: Spendenformulare in das „Mitteilungsblatt des Gehardsforum“ einlegen. Auf dem Weg dorthin und überall begegneten wir Baustellen. Der ganze Platz vor dem Dom ist eine riesige Baustelle. Es wird Erdreich ausgehoben, es werden neue Kanalrohre und Leitungen verlegt. Dabei kommen allerlei alte Mauerreste, Fundamente und Gewölbe zum Vorschein, Zeugnisse vergangener Zeiten. So verweisen etwa Kamelknochen auf die Zeit türkischer Besatzung, während römische Ziegelreste daran erinnern, dass das alte Imperium Romanum auch das Gebiet des heutigen Rumänien umfasste. Die Plastik der „säugenden Wölfin“ auf dem großen Platz zwischen orthodoxer Kathedrale und dem Theater, ein Geschenk Italiens, soll ja ebenfalls an die römischen Wurzeln des Landes erinnern. Die vielen Baustellen mögen momentan für die Passanten als hinderlich erscheinen, sie sind aber doch positive Zeichen dafür, dass notwendige Renovierungen geschehen. Außerdem wurde uns gesagt, dass an manchen archäologisch wichtigen Stellen Glasplatten verlegt werden. So kann man beim Überqueren der schönen, großen Plätze auch einen Blick in die Vergangenheit von Temeswar machen.

Temeswarer_Dom_Aug_2014

Temeswarer Dom im August 2014

Temeswarer_Domplatz_Aug_2014

Temeswarer Domplatz im August 2014

Am Abend des ersten Tages, Freitag, gab es noch einen sehr angenehmen Programmpunkt: Orgelkonzert in der Domkirche.

Diese kann man momentan auch nur auf Brettern und vorbei an einem engen Bauzaun erreichen. Unsere Damen übernahmen auch gleich wieder einen kleinen Service: Verteilen von Programmzetteln im Kirchenvorraum. Darauf waren angekündigt Werke von J. S. Bach, Mendelssohn-Bartholdy, F. Limmer, M. Lichtfuss, W. A. Mozart, M. Dupre, Ch. Gounod. Die Veranstaltung war als Benefizkonzert zur Unterstützung der Restaurierung der Basilika Maria Radna deklariert. Das geräumige Gotteshaus füllte sich schnell mit Menschen. Nach einer kurzen Einführung durch den Ökonom der Diözese, Nikolaus Lausch, begann das Konzert. An der Orgel saß Franz Metz, München. Solisten waren Nicoleta Colceiar, Temeswar, Sopran, und Wilfried Michl, München, Bariton. Es war ein schönes und kunstvolles Erlebnis: der ehrwürdige Dom im abendlichen Dämmerlicht und erfüllt von den Klängen der Orgel und des gelungenen Gesangs. Die Besucher waren zufrieden und spendeten reichlichen Beifall.

Benefizkonzert_Temeswar_Aug_2014

Benefizkonzert im Temeswarer Dom

Bischoefe_Benefizkonzert_Aug_2014

Bischof Hauke und Bischof Böcskei

Samstag vor dem ersten Augustsonntag: Festlicher Gottesdienst in Maria Radna

Die prächtige Wallfahrtskirche ist dick eingehüllt vom Gerüst und den Schutzplanen. Vor der Kirche Bauhütten, Gerät, Baumaterial, Arbeiter. Dennoch lässt sich im Kirchenraum Gottesdienst feiern; und der war tatsächlich hochfeierlich. Die Kirche ist über den letzten Platz hinaus dicht gefüllt mit Menschen. Nach dem Mariensingen ziehen die Geistlichen mit dem liturgischen Dienst ein. Hauptzelebrant und Prediger ist Weihbischof Hauke aus Erfurt. In seiner Predigt erzählt er zunächst kurz von der Vertreibung seiner Familie aus Schlesien, da können die deutschen Banater gut mitfühlen. In der ehemaligen DDR, also in offiziell gottloser Umgebung, erfährt er seine Berufung zum Priestertum. Er erzählt dann aber auch von den Chancen der Christus-Verkündigung in Erfurt und in unserer Zeit und Welt. Die Kirche könne sich, so der Weihbischof, heute nicht mehr so sehr auf gewachsene volkskirchliche Traditionen stützen, die Kirche müsse sich einfach und bescheiden dem Menschen zuwenden und ihm die Frohbotschaft von Jesus Christus bringen. Eine solche Botschaft würde sowohl in Erfurt als auch anderswo verstanden. Die musikalische Gestaltung hatte der Organist Franz Metz mit den Solisten des Vortages übernommen, dazu begleitete den Volksgesang auch noch die Banater Blaskapelle, die auch den Kirchweihtag am Sonntag in Sanktanna musikalisch mitgestaltete. – Zum Schluss des Gottesdienstes verkündete der mit zelebrierende Bischof Roos von Temeswar noch eine besondere frohe Botschaft: In einem Jahr ist die Renovierung von Maria Radna abgeschlossen und kann dann neu eingeweiht werden.

Maria_Radna_Aug_2014

Maria Radna im August 2014

Hochamt_Maria_Radna_Aug_2014

Hochamt in Maria Radna

Bischof_Hauke_Maria_Radna_Aug_2014

Bischof Hauke in Maria Radna

Gefuellte_Baenke_Maria_Radna_Aug_2014

Gefüllte Bänke in Maria Radna

Bischof_Roos_Maria_Radna_Aug_2014

Bischof Roos in Maria Radna

Kapelle_Maria_Radna_Aug_2014

Kapelle in Maria Radna

Der Kirchweih-Festtag in Sanktanna ist schon angeklungen.

Unsere Reisegruppe fuhr nach dem Gottesdienst in Richtung Sanktanna. Quartiere fanden wir bei den Nachbarn des Elternhauses von Anni und Marlene. Das Lehrer-Ehepaar Bont nahm den größeren Teil der Gruppe auf, Marlene und Alexander zogen beim anderen Nachbarn ein. Die Begrüßung und Aufnahme war ebenso herzlich und selbstverständlich wie bei der Pfarrersfamilie in Temeswar. Nun konnte die berühmte Kirchweih in Sanktanna beginnen. Am Sonntagmorgen gingen wir rechtzeitig zu Fuß in Richtung Kirche. Kirchenzug unter Glockengeläut und mit Blasmusik: Voraus die Kirchweihjugend in festlicher herkömmlicher Tracht, die Mädchen mit Rosmarin-Strauß, dann der liturgische Dienst und der Herr Pfarrer mit zwei Konzelebranten, schließlich die Gemeinde. Die gottesdienstlichen Gesänge wurden begleitet von Orgel und Blasmusik. Die Festansprache, die der gebürtige Sanktannaer Pfarrer Karl Zirmer hielt, beschäftigte sich mit dem Thema: Heilige Orte. Manche Orte habe sich Gott besonders ausgesucht und habe sie geheiligt, und dort suche auch der Mensch Gottes Gnade und seinen besonderen Segen, so auch an diesem Ort hier in der Kirche der hl. Mutter Anna. Den Gottesdienst beschloss eine schöne und erbauliche Rede der sogenannte Kirchweihspruch des ersten Geldherren, dann ging der Kirchweihzug zurück zum Pfarrhof. Dort gab es Blasmusik und die ersten Tänze. Die Hitze trieb nicht nur den Musikern und Tänzern den Schweiß ins Gesicht. Die dargereichten Getränke fanden reißenden Absatz: Hochprozentiges und Wasser. Ich griff mehr nach dem guten Wasser. – Am Nachmittag wurden Hut und Strauß versteigert, die Kirchweihjugend braucht ja auch Geld – das war immer schon so – und die Erwerber von Hut und Strauß feierlich nach Hause gespielt. Am Abend saßen wir vergnügt bei unseren Gastgebern, und als sich die Gruppe ins redlich verdiente Bett zurückzog, zog es Anni und Marlene doch noch zum Kirchweihtanz. Da konnten sie sich nach Herzenslust austoben und in jugendlichen Erinnerungen schwelgen. So was muss auch sein. Oder?

Kirchweihzug_Sanktanna_Aug_2014

Kirchweihzug in Sanktanna im August 2014

Kirchweihzugbegleitung_Sanktanna_Aug_2014

Kirchweihzugbegleitung in Sanktanna

Kirche_Sanktanna_Aug_2014

Kirche in Sanktanna

Kirchweihplatz_Sanktanna_Aug_2014

Kirchweihplatz in Sanktanna

An den restlichen Tagen gab es verschiedene Unternehmungen: Eine Weinprobe mit der Erkenntnis, dass Rumänien auch hervorragende Weine produzieren kann; man kennt sie nur zu wenig. In Lipova sprudelt eisenhaltiges Wasser hervor, das nicht nur vorzüglich erfrischt sondern auch verschiedene Heilwirkungen in sich hat. An dieser beschaulichen Quelle saßen wir gerne, ruhten aus und füllten unsere Trinkflaschen. Ich, als Hobby-Geologe, hatte meinen Blick immer auch auf Berghänge mit Gesteinsaufschlüssen gerichtet. An einer Stelle baut eine österreichische Firma Diorit zur Weiterverarbeitung ab. Wir stiegen den staubigen Fahrweg hinauf und ich holte mir ein „Handstück“ von der Größe einer Faust. „Passt gut in meine Sammlung“, sagte ich. Ein schöner Diorit, blau-grau! – Einige machten noch Besuche bei Freunden und alten Bekannten und suchten die Gräber ihrer verstorbenen Angehörigen auf. Den letzten Tag verbrachten die meisten nochmal in Temeswar, der schönen alten Stadt mit ihren vielen Sehenswürdigkeiten. Und dann gab es nochmal einen geselligen Abend mit Zsombor und seiner Frau Gemahlin und Übernachtung im Pfarrhaus. Dann ab zum Flughafen.

Was bleibt an Eindrücken?

Mich hat sehr beeindruckt die weite, dunkle, fruchtbare Ackerfläche des Banat.

Mich hat sehr beeindruckt die Struktur des Dorfes und der Anwesen der deutschen Siedler im Banat. Sie verband auf ideale Weise das Öffentlich-Kommunale mit dem Privat-Familiären.

Mich hat sehr beeindruckt die Gastfreundschaft, die wir bei unserem Aufenthalt bei den Menschen erfahren haben.

Mir ist auch wieder bewusst geworden, was unmenschliche Ideologien, wie die des Nationalsozialismus und des Kommunismus, an Unheil hervorbringen können: Krieg, Tod, Not und Feindschaft.

Mir ist auch wieder bewusst geworden, dass Versöhnung und Neuanfang möglich und nötig sind. Also packen wir es immer wieder an!

Und mein grau-blauer Diorit? Den habe ich am Flughafen nicht durch die Gepäckkontrolle gebracht. Ich hätte ihn in den Koffer packen und dann abgeben sollen. Aber im Handgepäck war er nicht erlaubt. Und so landete er in der Mülltonne der Sicherheitsbeamten. Mein schöner grau-blauer Diorit. Der Arme!